Immer den Menschen im Blick

 

 Paulinenhof-Chef Dietmar Oppenländer geht Ende Mai 2019 nach 28 Jahren auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Paulinenpflege in den Ruhestand

 

 

Wer den Paulinenhof in den letzten Jahren betreten hat, hatte oft den Eindruck, dass Hof-Chef Dietmar Oppenländer in verschiedenen Ecken gleichzeitig arbeitete. An der einen Stelle teilte der Landwirtschaftsmeister die Arbeit für seine Beschäftigten ein, gleichzeitig versetzte er Strohballen mit dem Traktor und nahm die Hackschnitzel-Lieferung für die Heizzentrale des Bioland-Betriebs an. Nebenbei war er auch schon auf dem Weg zum Mähdrescher oder organisierte das Paulinenhof-Fest. Bei aller Geschäftigkeit, die ein solch ganz außergewöhnlicher Betrieb, der gleichzeitig Bauernhof, Gärtnerei, Werkstatt für behinderte Menschen und Ausbildungsstätte ist, mit sich bringt, war immer spürbar, was für Dietmar Oppenländer im Mittelpunkt steht: Die Menschen mit Behinderung, die hier arbeiten und größtenteils auch wohnen.

 

„Mir ist wichtig, dass die Menschen hier ganzheitlich wahrgenommen werden, mit dem was sie beschäftigt und umtreibt. Egal, ob es um die Arbeit hier geht, oder ob sie am Abend vorher vielleicht Streit auf der Wohngruppe hatten. Auch das muss hier besprochen werden, dann geht die Arbeit wieder leichter von der Hand“, erklärt Dietmar Oppenländer sein ganzheitliches Denken. Als Oppenländer am 1.9.1991 auf dem Paulinenhof als Mitarbeiter angefangen hatte, war das sicherlich noch etwas einfacher, damals waren auf dem Hof fünf Menschen mit Behinderung. Inzwischen hat er über 30 Schaffer, 21 davon wohnen auch auf dem Paulinenhof. Trotzdem hat er bis zu seinem Ruhestand versucht, die Hofgemeinschaft, die aus Arbeiten und Wohnen besteht, zu leben. Dazu gehört auch, dass er mit seiner Familie auf dem Hof wohnt und somit nicht nur während der Arbeitszeiten Ansprechpartner für „seine Leute“ war. Natürlich hatte das nicht nur Vorteile, denn es konnte durchaus sein, dass auch mal Bewohner in der Nacht an der Haustür geklingelt haben: „Das waren aber meist dann echte Notfälle. Zum Spaß hat uns niemand hier rausgeklingelt“, ist sich Dietmar Oppenländer sicher.

 

 

In seiner knapp 28jährigen Dienstzeit in der Paulinenpflege sind nicht nur viele neue Beschäftigte, Bewohnerinnern und Bewohner dazu gekommen, auch sonst hat sich seit 1991 viel getan. 1993 wurde auf dem Paulinenhof das große Wohnheim eingeweiht und somit das damalige Wohnprovisorium für die Menschen mit Behinderung beendet. In den neuen Gebäuden wurde auch das „Hoflädle“ für den Verkauf von hofeigenen Produkten installiert. 1995 erhält die Landwirtschaft des Paulinenhofs die Anerkennung zum Bioland-Betrieb. Die Umstellung auf die ökologische Landwirtschaft musste den Beschäftigten anfangs immer wieder erklärt werden: „Es kam schon zu Diskussionen, wenn der Nachbar mit seinem Traktor Pflanzenschutzmittel auf dem Acker verteilt hat, während unsere Leute mit der Hacke Unkraut jäten mussten. Wir haben aber dann erklärt, wo das chemische Spritzmittel landet und was es anrichten kann“. Inzwischen sind die Menschen mit Behinderung stolz, dass sie als Bewahrer der Schöpfung agieren.

 

Der größte Einschnitt war dann 2001 die Umstellung des Betriebs von Milchkuhhaltung auf Mutterkuhhaltung – für Dietmar Oppenländer war dieser Schritt anfangs nicht einfach: „Das hat damals schon geschmerzt, da unsere Menschen mit Behinderung ihre Kühe geliebt haben. Doch im Nachhinein betrachtet war der Schritt richtig. Wir hätten die Milchkuhhaltung auf Dauer nicht bewältigen können.“ Zur Mutterkuhhaltung kamen dann die Schweinemast und der Ausbau der Hühnerhaltung dazu. „Wir mussten in all den Jahren erfinderisch sein und schauen, dass wir sinnvolle Arbeitsplätze für die zunehmende Anzahl der Beschäftigten schaffen konnten“. Ein solcher Bauernhof, der Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in dieser Vielfalt anbietet, ist rar in Süddeutschland. Deshalb gab es in den letzten zwanzig Jahren viele Anfragen, teilweise sogar Wartelisten mit Menschen mit Behinderung aus dem gesamten süddeutschen Raum. Und so kamen als weitere Arbeitsfelder 2010 die Brennholzproduktion und die Hauswirtschaftsgruppe dazu.

 

Aktuell sind es nun 33 Arbeitsplätze für behinderte Menschen in der Landwirtschaft des Paulinenhofs, dazu kommen noch rund 10 Gemüsegärtner-Azubis, die in der Gärtnerei ausgebildet werden. Das bedeutet auch zukünftig viel Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem großen Betrieb und so wünscht Dietmar Oppenländer seiner Nachfolgerin und ihrem Team, „dass die Beschäftigten auch weiterhin im Mittelpunkt stehen, dass sie sich dort wohlfühlen und dass es den Paulinenhof noch viele Jahre geben wird“. Daran ist sicher auch die breite Öffentlichkeit interessiert, denn Dietmar Oppenländer hat mit der Organisation der großen Hoffeste, Weihnachtsmärkte und Naturerlebnistage für Schüler vielen Besucherinnen und Besuchern aus dem Großraum Winnenden regelmäßig schöne Stunden auf dem Paulinenhof beschert. Besonders Familien mit Kindern schätzen den etwas anderen Bauernhof und besuchen dort gerne die Stallungen und die Menschen mit Herz.

 

Dietmar Oppenländer geht Ende Mai 2019 mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Ruhestand: „Meine Beschäftigten werden mir sicher am meisten fehlen, ebenso der Paulinenhof als meine eigene Heimat und als Arbeitsplatz in all seiner Komplexität. Gleichzeitig freue ich mich, dass ich jetzt mehr Zeit für meine Familie, ganz besonders für meine Enkel habe.“ Und er wird dem Paulinenhof auch weiterhin verbunden bleiben: „Ich werde im Wohnbereich des Hofs in Zukunft ehrenamtlich arbeiten und für die Bewohnerinnen und Bewohner dort Freizeitmaßnahmen anbieten“. Und dieser Gedanke vertreibt sichtlich ein bisschen Wehmut aus Dietmar Oppenländers Gesicht.