„Jetzt möchte ich etwas zurückgeben“

 

Der 28-jährige Syrer Abdulmuneem Wlaya unterstützt Flüchtlingsfamilien im Projekt „Angekommen und Angenommen“ der eva im Rems-Murr-Kreis

 

Weinstadt / Althütte. Es ist gar nicht so einfach, einen Termin mit Abdulmuneem Wlaya zu vereinbaren. Der 28-jährige Syrer hat viel zu tun: An der Universität Hohenheim absolviert er gerade einen Sprachkurs als Vorbereitung aufs Studium. Daneben jobbt er beim Gerätehersteller Stihl und als Pizzafahrer. Und wann immer er gebraucht wird, unterstützt er das Projekt „Angekommen und Angenommen“ der Evangelischen Gesellschaft (eva) als ehrenamtlicher Mentor. „Mir haben viele Leute geholfen, als ich vor drei Jahren nach Deutschland gekommen bin“, sagt er in fließendem Deutsch. „Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“

 

An seine ersten Tage und Wochen in Deutschland erinnert sich Abdulmuneem noch sehr gut. Und an ein bestimmtes Gefühl, das diese Zeit geprägt hat. „Alles war fremd und hat mir Angst gemacht“, sagt er. Vor seiner Flucht aus dem kriegszerstörten Aleppo hatte er gerade an der Universität seinen Bachelor in Physik abgeschlossen und schon an verschiedenen Schulen unterrichtet. Und doch: „Hier in Deutschland waren plötzlich die einfachsten Sachen schwer. Du hast kein Selbstbewusstsein mehr, wenn du in der Fremde bist“, weiß Abdulmuneem. „Sogar am Getränkeautomat hatte ich Angst, etwas falsch zu machen, obwohl wir in Syrien ja auch solche Automaten hatten.“

 

Es sind Erfahrungen wie diese, die Abdulmuneem mit vielen anderen geflüchteten Menschen teilt. Er weiß, wie schwer es ist, in der neuen fremden Heimat klarzukommen – und wie man es doch schaffen kann. Genau deshalb engagiert er sich seit über einem Jahr als ehrenamtlicher Mentor im Projekt „Angekommen und angenommen“, das die eva im April 2017 gestartet hat. Das Angebot unterstützt geflüchtete Eltern mit ihren Kindern, die in Gemeinschafts- und Anschlussunterkünften in Fellbach, Weinstadt und im Weissacher Tal (Auenwald, Allmersbach, Althütte, Weissach im Tal) leben.

 

„Die Eltern sprechen meist kaum Deutsch und haben wenig Anbindung an Vereine oder            andere hilfreiche Angebote vor Ort“, weiß Sozialarbeiter Konstantinos Kafasis. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gunhild Schmidt macht er den Familien im Projekt verschiedene Angebote, um ihnen das „Ankommen“ zu erleichtern. Dazu gehören zum Beispiel Einzel- und Gruppenberatung, internationale Treffs, Familientage oder Workshops zu verschiedensten Themen. Daneben gibt es Gesprächskreise, um im geschützten Rahmen Deutsch sprechen zu üben. Doch immer wieder stoßen die hauptamtlichen Projektmitarbeiter dabei an sprachliche und kulturelle Grenzen. „Deshalb sind unsere Mentoren wie Abdulmuneem so wichtig“, sagt Kafasis. „Für die Familien sind sie tolle Vorbilder – und für uns wichtige Türöffner und Vermittler.“

 

Abdulmuneem übersetzt zum Beispiel bei Treffs oder Workshops – oder auch mal spontan am Telefon, wenn Konstantinos Kafasis oder Gunhild Schmidt in einer Beratung ohne Dolmetscher nicht mehr weiterkommen. „Oft geht es aber auch darum, das Leben in Deutschland zu erklären und was anders als in Syrien ist“, erzählt Abdulmuneem. Er erklärt den Flüchtlingsfamilien zum Beispiel, dass deutsche Polizisten freundlich sind und man vor ihnen keine Angst haben muss. Oder was genau ein Sozialarbeiter wie Kostantinos Kafasis eigentlich macht und dass man ihm vertrauen kann. Oder dass jeder gegenüber deutschen Behörden Pflichten hat, aber auch Rechte, die er einfordern kann. „Ich will den Leuten auch zeigen: Wenn man etwas will und sich anstrengt, dann kann man hier viel schaffen“, so der 28-Jährige.

 

Er ist das beste Beispiel dafür: In nur drei Jahren hat er fließend Deutsch gelernt, hat mittlerweile eine Wohnung in Althütte und verdient sein eigenes Geld. Demnächst will er weiterstudieren und einen deutschen Bachelor machen, um später als Physiker oder Ingenieur zu arbeiten. Dabei hat Abdulmuneem Ende 2015 selbst bei Null angefangen: Als er vor dem Krieg aus Syrien floh, lag seine Heimatstadt Aleppo in Trümmern. „Es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Lebensmittel mehr in der Stadt“, erzählt er. In Deutschland angekommen, musste er die ersten Monate in Sporthallen und Sammelunterkünften ausharren. „Ich war oft frustriert, weil es nichts zu tun gab“, erinnert er sich. „Arbeiten oder zur Schule gehen durften wir anfangs nicht.“ Schnell wurde ihm klar, dass die Sprache der Schlüssel zu allem ist. Noch bevor er einen Deutschkurs machen durfte, besorgte er sich Lehrbücher und paukte mit einem ehrenamtlichen Helfer deutsche Vokabeln und Grammatik. „Ich habe mir damals stundenlang deutsche youtube-Videos angesehen, um meine Aussprache zu verbessern.“ Heute übersetzt der studierte Physiker Gespräche über deutsche Mülltrennung oder Bescheide über Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

 

 

Für Konstantinos Kafasis war es ein Glücksfall, dass Abdulmuneem Anfang 2017 über den AK Asyl Auenwald zum Projekt „Angekommen und Angenommen“ stieß. Sofort war er bereit, sich gemeinsam mit zehn anderen Freiwilligen zum Mentor ausbilden zu lassen. „Wir haben uns ein Jahr lang alle zwei Wochen getroffen und viel gelernt über Kommunikation, Asyelrecht und worauf man beim Dolmetschen achten muss“, erzählt Abdulmuneem. Langeweile kommt im Alltag des 28-Jährigen nicht auf. Oft fährt er bis 22.30 Uhr Pizza aus und muss sich morgens um 7 Uhr wieder auf den Weg zum Uni-Sprachkurs machen. Trotzdem arbeitet er in jeder freien Minute gern im Projekt mit. „Für mich ist das keine Pflicht“, sagt Abdulmuneem. „Es macht mich einfach glücklich, wenn ich anderen Menschen helfen kann, ihre Probleme zu lösen.“